Hast du dich schon einmal gefragt, wie es hinter den Kulissen einer Tierarztpraxis zugeht? Wie erleben Tierärzte den Alltag zwischen Impfen, OPs, Notfällen und Gebührenerhöhung? Mit welchen Herausforderungen werden Tierärzte konfrontiert? Die renommierte Hamburger Tierarztpraxis Tiermedizin am Rothenbaum gewährt uns einen ganz persönlichen Einblick in ihren Alltag.

Während deines Praxisbesuchs bist du vermutlich in erster Linie mit dir und deinem Tier beschäftigt, denn dieser bedeutet meistens Stress für Tier und Halter. Hund oder Katze spüren schon vorher, dass was „im Busch“ ist und verkriechen sich vorsorglich unter dem nächsten Sofa. Dabei kann ein Besuch in der Tierarztpraxis durchaus angenehm sein, wenn die Begegnung zwischen Tierarzt und Patient auf Augenhöhe stattfindet und alle sich als gleichwertige Partner zum Wohle des Tieres verstehen. Der 1977 in Hamburg gegründeten Tierarztpraxis Tiermedizin am Rothenbaum gelingt dies auf besonders herausragende Weise.

Wie beginnt der Alltag in der Tierarztpraxis am Rothenbaum?

„Unsere Wartezimmer haben immer eine bunte Mischung, denn wir sind fünf Tierärzte mit verschiedenen Schwerpunkten und Spezialisierungen“, erklärt Rolf Willm Deckena. „Da sitzt der Kakadu, der will zu unserer Vogelspezialistin, die Katze, die zur Augenärztin muss, der humpelnde Hund für die Orthopädin und der Dackel mit dem Loch im Zahn braucht den Tierzahnarzt. Und dazwischen die ganz gesunde Hundedame zur Impfung.“ Modernste Diagnoseverfahren und Geräte treffen hier auf ein Praxisteam mit Herz und Liebe zum Tier. Auch Naturheilverfahren wie Goldakupunktur gehören zum Portfolio der Tierarztpraxis.

Während die Tiere den Besuch in der Tierarztpraxis meist recht gut meistern, wozu auch Praxishund Missie ihren Beitrag leistet, haben es die Tierärzte häufig mit Emotionen und Unsicherheiten der Halter zu tun.

Besonders die Einschätzung, ob es sich um einen medizinischen Notfall handelt, fällt vielen Haltern schwer. Ab zum Tierarzt-Notdienst oder noch einen Tag abwarten? „Naja, es gibt Fälle, da fragt man sich, warum die Leute nicht schon längst zum Tierarzt gegangen sind“, so Herr Deckena. „Aber eben auch umgekehrt, und das sind sicher die häufigeren Fälle. Es ist für Laien aber auch schwierig, Situationen medizinisch zu beurteilen. Gerade beim ersten Tier gibt es natürlich viel Unsicherheit, weil man da noch unerfahren ist.“ Hier zählen vor allem Fingerspitzengefühl, Hinwendung und Zuhören im Umgang mit Mensch und tierischem Patient.

Hinter den Kulissen einer TierarztpraxisStichwort Notfall – was ist aus tierärztlicher Sicht ein Notfall, möchten wir gern wissen?

„Schwer zu sagen. – Hm. – Ein Notfall ist etwas, das entweder lebensbedrohlich ist oder mit unzumutbarem Leid einhergeht, etwa mit schweren Schmerzen. Der Haarausfall gehört sicher nicht dazu, eine leichte Bindehautreizung auch nicht. Aber beim massiven Durchfall wird´s schon schwieriger mit der Abgrenzung. Muss man sich nachts um eins auf den Weg machen und womöglich bis vier Uhr morgens warten, bis man drankommt? Oder besser am nächsten Morgen zum Haustierarzt, der das Tier ja auch kennt? Ich kann das nicht pauschal beantworten. Hm. Durchatmen hilft sicher, ein Nachdenken auch. Und dann muss man auf sein ehrliches Bauchgefühl hoffen.“

Im Zusammenhang mit tierärztlichen Notfällen müssen wir auf die neue Gebührenordnung schauen, wonach sich die Kosten für Notfallbehandlungen erhöht haben.

Die meisten Tierhalter haben hierfür kein Verständnis und wittern Abzocke, doch wie sieht die Realität in einer Tierarztpraxis aus? Was ist die andere Seite der Medaille? Herr Deckena erklärt: „Für 50 Euro in der Geldbörse müssen viele Leute stundenlang arbeiten. Wenn die dann, sagen wir mal 20 Minuten in der Tierarztpraxis sind und sollen dafür 300 Euro zahlen, ist das natürlich ein Hammer. Aber es ist ja nicht so, dass der Tierarzt damit einen Stundenlohn von 900 Euro hätte. Schön wär´s! Nee, da sind ja riesige Kosten dahinter. Die Leute erwarten eine gut ausgestattete Praxis, ein kompetentes, OP-fähiges Team, Diagnostik und so weiter. Das verschlingt ja Geld, und nicht zu knapp. Und so können 300 Euro in 20 Minuten wiederum gerechtfertigt sein.

Wenn sich Leute im Notdienst über die Kosten aufregen, sag ich manchmal, sie mögen doch bitte direkt jetzt, in der Nacht zu Sonntag, ihren Rechtsanwalt anrufen und ein sofortiges Treffen verlangen, mit mindestens zwei Rechtsanwaltsgehilfinnen im Raum. Was das Treffen wohl kosten mag? Das Beispiel geht übrigens auch mit Klempner und Notfallelektriker – nachts zwei, drei gute Leute mitsamt Equipment zusammenzutrommeln, kostet.“

Sowohl Tierärzte als auch deren MitarbeiterInnen haben recht streng und gesetzlich geregelte Arbeitszeiten. Wie wirkt sich das aus?

„In den vergangenen Jahren hat sich vor allem bei den Personalkosten viel verändert. Da sind neue Gesetze, die Nacht- und Überstunden regeln. 28-Stunden-Schichten sind zum Glück vorbei. Da braucht es aber mehr Personal, und das ist knapp. Also sind die Personalkosten deutlich gestiegen. Insofern finde ich die Anhebung der Gebühren angemessen. Wir hatten viele Nachtdienste, wo wir draufgezahlt haben. Eigentlich die Mehrzahl der Dienste. Ob die höheren Gebühren aber mehr Leute abschrecken vom Notdienst und es unter dem Strich ebenso unwirtschaftlich ist? Das muss man sehen.“ Ein klares Statement!

Die Tiermedizin am Rothenbaum zeichnet sich aus durch besondere Nähe und Verbundenheit zu ihren Patienten und Haltern. Wie bewältigt das Praxisteam emotional den Job, der sicher nicht immer leicht ist?

„Ich liebe meinen Beruf, ich mache das sehr gern. Die Belastungen sind aber schon hoch. In den ersten Jahren, als Anfänger, hab ich manchmal nachts weinend auf der Bettkante gesessen, weil ich fachlich nicht weiterwusste. Oder Angst vor der Narkose am nächsten Morgen hatte. Das hat sich mit nun nach bald dreißig Jahren Berufserfahrung längst gelegt. Doch auch dann kann nicht alles gelingen. Das muss man sich immer wieder sagen, und auch dem Klienten. Man meide den Tierarzt, der behauptet, seine Narkosen seien zu 100% sicher. Denn der nimmt das nicht mehr ernst. Oder sich nicht. Richtig belastend finde ich Leute, die sich für´s Zentrum des Universums halten. Und davon gibt es eine Menge! Egozentriker, die nur sich selbst sehen. Eine Pest. Man überlebt diesen Beruf nur dadurch, dass man bereit ist, solche Leute rauszuschmeißen. Und das setzt voraus, nicht jedem gefallen zu wollen. Dann geht es ganz gut.“

Eins jedoch haben alle gemein: den Wunsch, dass es dem Tier lange gut geht und es gesund bleibt. Was ist aus tierärztlicher Sicht der beste Rat für ein langes und gesundes Hund-/Katze-Mausleben?

„Oha, was für eine Frage! … Vielleicht so: Füttern Sie vielfältig. Aber füttern Sie nicht viel! In Erziehung, Fütterung, Bewegung fragen Sie sich immer, was die Natur der Katze, die Natur des Hundes ist – es ist kein Mensch. Suchen Sie sich eine Tierarztpraxis, die Ihnen ebenso kompetent wie geerdet vorkommt. Ist das Tier krank, denken Sie dran: so schnell stirbt es sich nicht. Googeln Sie nicht zu viel. Meiden Sie Foren. Und wenn Sie Krankheiten googeln, denken Sie daran, dass seltene Krankheiten selten und häufige häufig sind. Ein neuentdecktes Sowieso-Irgendwas-Syndrom, von dem bereits fünf Fälle weltweit beschrieben sind, ist auch in Buxtehude selten. Meiden Sie Leute, die Ihnen sagen „Du darfst auf keinen Fall…“, denn man darf ganz viel. Meiden Sie Leute, die Ihnen sagen „Du musst unbedingt…“, denn man muss ganz wenig. Und liebe dein Haustier wie dich selbst.“

Mit diesem Schlusswort danken wir ganz herzlich Herrn Rolf Willm Deckena von der Tiermedizin am Rothenbaum für das Interview!

Du lebst in Hamburg und möchtest dein Tier in der Praxis vorstellen? Kontakt:

Tiermedizin am Rothenbaum
Rothenbaumchaussee 195
20149 Hamburg
Telefon: 040-451772
E-Mail: mail@hh-tierarzt.de
Webseite: https://hh-tierarzt.de/

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Über den Autor / die Autorin → Petra Schulz HPC-Team Administrator
Als Redakteurin kümmere ich mich um das Magazin des HPC und schreibe Beiträge und Reportagen. 🙂